Antikriegstag 2015 – Ulrich Beer-Bercher

Mit freundlicher Erlaubnis der Redner dokumentieren wir hier die Redebeiträge vom 1. September 2015:

Ulrich Beer-Bercher, Initiative für ein Friedensdenkmal Karlsruhe

Ich stehe heute nicht gerne hier.

Wir alle sollten nicht hier sein müssen.

Es sollte nicht mehr nötig sein, an den Krieg zu erinnern:

An dieses sinnlose Vernichten von menschlichem Leben, an die Feuerstürme in Coventry, Dresden und Hiroshima, an die ermordeten Kinder und Greise, an die Männer und Frauen, die im Bombenhagel und unter den Panzerketten starben.

All dies sollte nicht mehr nötig sein.

Eigentlich sollten wir zusammen sitzen und feiern, essen und trinken und auf die Lichtfestspiele warten –

und von unseren Siegen erzählen.

Denn so, wie die erste Hälfte des 20 Jahrhunderts von beispiellosen Kriegen geprägt war- von Kriegen, die alles bis dahin Geschehene in den Schatten stellten – so waren die letzten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts von anderen Erfahrungen geprägt: Von der Erfahrung, dass Frieden, dass Versöhnung möglich ist.

Da gab es beispielsweise den Prozess der europäischen Einigung  – der sehr bald nach dem Krieg begann und über die Gründung der EWG 1957 nach langen Verhandlungen und einer wechselvollen Geschichte 1992 in die Gründung der Europäische Union mündete. Trotz all ihrer Mängel ist diese Union ein ungeheurer zivilisatorischer Fortschritt – sie zieht einen Schlussstrich unter eine jahrhundertelange Geschichte voller Kriege und Bürgerkriege im Zentrum Europas.

Ein anderes Beispiel: Am 25. April 1974 stürzte das portugiesische Militär durch eine kollektive Gehorsamsverweigerung in einem unblutigen Putsch eine Jahrzehnte lastende Diktatur und leitete zugleich die Entkolonialisierung Angolas und Zimbabwes ein.

Geduldige Verhandlungen im Kontext der “Neuen Ostpolitik”, für die der kürzlich verstorbene Egon Bahr steht, und visionäre Gesten wie Willy Brands Kniefall in Warschau am 7.12.1970 und sorgten für eine Entspannung zwischen den aggressiven Militär-Blöcken, die sich in Europa waffenstarrend gegenüberstanden. Der “Wandel durch Annäherung” und später Michail Gorbatschows Politik der Perestroika bereiteten den nächsten großen Schritt vor:

Gewaltfreie Volksaufstände in den Staaten des Warschauer Paktes  beenden 1990 den Kalten Krieg und die Teilung Europas. Nicht die hochgerüsteten Militärapparate befreiten die Menschen Osteuropas, nicht die Armeen verhinderten den Ausbruch eines Krieges, sondern gewaltfrei Volksbewegungen in Zusammenarbeit mit visionären Politikern und Politikerinnen.

Und trotzdem stehen wir heute hier voller Trauer und voller Zorn.

Denn wir mögen aus dem 20 Jahrhundert gelernt haben, dass der Krieg nicht der Vater aller Dinge ist, sondern der Zerstörer aller guten Dinge – der nicht nur Menschenleben vernichtet, sondern auch alle Werte, auf denen unsere Zivilisation aufbaut: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, seines zweites die Freiheit, und Würde, Gerechtigkeit und Solidarität sind in der Regel ebenfalls bereits vor dem ersten Schuss gefallen.

Andere jedoch erinnern sich offensichtlich nicht – oder sie wollen sich nicht erinnern. Sie nennen es “Verteidigung des Völkerrechts”, “Wiedergutmachung historischen  Unrechts”, verniedlichend “robusten Einsatz” oder gar “Friedensmission”. Andere sprechen offen von “Heiligen Kriegen” – aus nationalen oder religiösen Motiven. Und sie reden nicht nur davon – sie tun es. Heute, vor unseren Augen: In Syrien, im Irak, in der Ukraine;  in Afghanistan, im Jemen, im Süd-Sudan, in Nigeria und in Kurdistan – in über 40 Kriegen und Bürgerkriegen weltweit.

All diesen Kriegsherren, so unterschiedlich sie auftreten mögen, ist eines gemeinsam: Sie sind bereit, ihre politischen Ziele mit militärischer Gewalt durchzusetzen. Krieg – das massenhafte Morden – ist für sie schlicht die Fortsetzung ihrer Interessenpolitik mit anderen Mitteln.

Wir können, wir dürfen dieses Morden nicht widerspruchlos hinnehmen – und deswegen danke ich allen, die heute hier sind, um ihre Stimme zu erheben.

Ich glaube jedoch, dass dieser Protest, so notwendig und richtig er ist, nicht ausreicht.

Selbst wenn es uns gelänge, den Warlords und den Händler des Todes heute die Macht aus den Händen nehmen, die Ursachen der Krieg – die politischen Konflikte und Interessengegensätze – blieben ja weiter bestehen. Von einer harmonischen Welt, in der jeder in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben kann, sind wir noch Jahrzehnte entfernt. Es reicht, den Blick auf die Verhältnisse zu richten, die so viele Menschen aus den Balkanstaaten im Moment zur Flucht nach Deutschland treiben: existentielle materielle Not, die Diskriminierung von Minderheiten, und eine völlige Perspektivlosigkeit. Und das ist noch nichts, verglichen mit der Situation in vielen Regionen Afrikas oder Asiens.

Mit Konflikten, die aus unterschiedlichen Lebenssituationen und unterschiedlichen Interessen resultieren, müssen wir also weiterhin umgehen. Es kommt darauf an, sie gewaltfreie auszutragen – nicht, sie zu ignorieren.

Und das ist möglich – nicht nur im 20 Jahrhundert und nicht nur in Europa.

In der Nacht zum 14. Juli 2015 wurde nach 13 Jahren Verhandlungen in Wien eine Einigung zwischen dem Iran, den USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien und Deutschland verkündet. Diese Einigung, so vorläufig und lückenhaft ist sein mag, ist ein wichtiger Mosaikstein, ein Brückenbogen – und in mehreren Aspekten beispielhaft. Sie zeigt, wieviel Geduld und Sorgfalt notwendig ist. Denn es ging in Lausanne und Wien nicht nur um die Interessen zweier Verhandlungsparteien – etwa der USA und des Iran. Die anderen Verhandlungspartner waren nicht schlichte Unterstützer der einen oder anderen Seite, sondern vertraten durchaus eigene Interessen – und auch die von Staaten, die nicht an den Verhandlungen beteiligt waren, z. B. die Israels.

Und es ging nicht nur um die zählbaren Verhandlungsgegenstände, also die Anzahl und die Kapazität atomarer Anlagen, um Zentrifugen, Urangewichte, Rohölmengen, Handelsembargos und andere Sanktionen. Auf dem Verhandlungstisch lagen auch die Ängste Israels vor einem atomaren Angriff Irans, der Stolz des Iran auf seine technischen Errungenschaften und seine politischen Unabhängigkeit, amerikanische, russische und chinesische geopolitische Überlegungen und Bündnisstrategien – und die wirtschaftspolitische Interessen der deutschen Industrie.

Angesichts dieser Vielzahl widerstreitender, zum Teil unvereinbarer Interessen braucht es unendlich viel Geduld, profundes technisches Wissen, aber auch Verständnis und Akzeptanz für die Bedürfnisse der anderen Seite. Neben klugen, informierten Expertinnen und Experten brauchen wir aber auch verhandlungsstarke, visionäre Politikerinnen auf beiden Seiten, die bereit sind, sich auch der notwendigen Auseinandersetzungen innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft zu stellen. Denn auch darin ist das Abkommen beispielhaft: Es ist weder innerhalb der USA-, noch im Iran oder gar in Israel unumstritten. Im Gegenteil: In allen drei Staaten wird heftig gegen das Abkommen mobilisert. Die Friedensbewegung in den USA –beispielhaft etwa die Veterans for Peace oder die Jewish Voice for Peace– arbeiten deshalb fieberhaft daran, im Kongress eine Koalition für das Abkommen zu organisieren, die ein Veto des Kongresses blockieren kann.

Wir brauchen solche Bewegungen nicht nur in den USA, sondern innerhalb aller Staaten: Engagierte, kluge, starke  Bewegungen, die sich entschieden für gewaltfreie Lösungen einsetzen. Bewegungen, die notfalls bereit sind, kriegsbereite Regierungen durch einen gewaltfreien Aufstand, durch Streiks und Gehorsamsverweigerungen in den Arm zu fallen – oder sie zu stürzen.

Ich bin deshalb froh, dass der DGB gemeinsam mit dem Friedensbündnis heute zu dieser Kundgebung aufgerufen hat. Und ich bin froh, dass heute hier nicht nur politische Reden gehalten werden, sondern auch Musiker ihrer Sehnsucht nach Frieden Ausdruck verleihen. Wir brauchen eine Bewegung, die weit über die schon immer politisch Engagierten hinaus geht. Letztlich geht es darum, die Kultur des Krieges und der Gewalt, aus der wir kommen, durch eine Kultur des Friedens zu ersetzen.

Neben dem Protest gegen den Tod, zu dem wir heute zusammengekommen sind, brauchen wir auch eine Feier des Lebens.

Vielleicht wäre es deshalb gut, wenn wir uns im nächsten Jahr nicht nur am 1. September, sondern auch am 14. Juli treffen – um den Verhandlungsdurchbruch im Atomkonflikt mit dem Iran zu feiern.

Und wir brauchen etwas, das den Gedanken an die Notwendigkeit, aber auch die Möglichkeit gewaltfreier Konfliktlösung dauerhaft wachhält – eine bleibende Erinnerung – Neben den Mahnmälern, die an die Toten der Kriege erinnern, brauchen wir Friedensdenkmäler: Denkmäler, die deutlich machen, dass Friede ein Prozess ist, der von Menschen begonnen und aufrechterhalten wird.

Ein solches Denkmal wollen wir in den nächsten drei Jahren auf den Weg bringen. Wir wissen, dass das nicht schnell gehen wird – und wir wissen, dass wir dafür eine breite Unterstützung in unserer Stadt brauchen. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir es gemeinsam schaffen können – Friedensbewegte, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Künstlerinnen und Künstler, Bürgerinnen und Bürger.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.